Nach unseren Tagen am Komani-See wollen wir noch einen anderen Teil der albanischen Alpen kennenlernen. Auf der Karte sieht unser nächstes Ziel eigentlich gar nicht so weit entfernt aus, aber es gibt keine direkte Verbindung. Also heißt es einmal außen herum.

Rund 130 Kilometer liegen vor uns. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht einmal 40 km/h kann man sich ungefähr vorstellen, was für Straßen uns erwarten. Etwa dreieinhalb Stunden brauchen wir für die Strecke. Unser Ziel: Theth.

Theth liegt ziemlich spektakulär in einem abgeschiedenen Talkessel der albanischen Alpen, eingerahmt von steilen, teilweise mehr als 2.000 Meter hohen Bergen. Das Dorf ist einer der bekanntesten Ausgangspunkte für Wanderungen im Norden Albaniens und wirkt trotz seiner inzwischen großen Beliebtheit noch immer wie eine kleine Welt für sich.


Im Winter kann der hoch gelegene Qafa-e-Thorës-Pass durch Schnee unpassierbar werden, viele Gästehäuser schließen und ein großer Teil des Lebens verlagert sich Richtung Shkodra. Die Straßen im Dorf sind nicht asphaltiert, brummende Generatoren gehören zum Stadtbild. Sie sollen die Stromversorgung stabiler machen.



Als wir Theth erreichen, ist es bereits dämmrig. Von der beeindruckenden Bergkulisse bekommen wir deshalb zunächst nicht allzu viel mit. Viel Programm steht ohnehin nicht mehr an: Unterkunft beziehen, etwas essen und ab ins Bett. Denn am nächsten Morgen wollen wir wandern.
Zum Blauen Auge von Theth
Unser Ziel ist das Blaue Auge, auf Albanisch Syri i Kaltër, eine intensiv türkis-blaue Karstquelle in einer bewaldeten Schlucht bei Nderlysa. Das kristallklare Wasser ist selbst im Hochsommer mit ungefähr 7 bis 10 Grad eiskalt – was erstaunlicherweise trotzdem manche nicht vom Baden abhält.

Von unserer Unterkunft aus wären es hin und zurück rund 20 Kilometer. Eigentlich eine schöne Tagestour. Eigentlich, aber bei 36 Grad fahren wir rund 7 Kilometer mit dem Taxi. Das bringt uns bis nach Nderlysa, von wo aus der eigentliche Wanderweg zum Blauen Auge beginnt. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer durch die Berglandschaft und eine kleine Schlucht bis zur Quelle. Der Weg lohnt sich.


Das Blaue Auge ist wirklich ein wunderschöner Ort. Das unglaublich klare, blaugrüne Wasser zwischen den Felsen, dazu der kleine Wasserfall und das viele Grün drumherum – ziemlich genau die Art von Ort, bei der man sofort versteht, warum er auf praktisch jeder Liste mit Sehenswürdigkeiten rund um Theth auftaucht.


Leider haben diese Listen offensichtlich auch alle anderen gelesen.


Am Blauen Auge ist ordentlich Betrieb. Manch lassen sich von den eisigen Wassertemperaturen nicht abschrecken und gehen baden. Andere springen von der Brücke ins Wasser.

Wir beschränken uns auf eine Pause, gönnen uns ein gekühltes Getränk und schauen uns das Blaue Auge von oben an.

Dann machen wir uns auf den Rückweg.
Zu Fuß zurück nach Theth
Im Gegensatz zum Hinweg wollen wir zurück nach Theth komplett zu Fuß gehen. Landschaftlich ist das definitiv die richtige Entscheidung. Der Weg führt durch das Tal, vorbei an den steilen Bergen der albanischen Alpen.



Aber die Sonne brennt.
36 Grad sind für eine längere Wanderung einfach eine Ansage. Jeder schattige Abschnitt wird dankbar angenommen und die kleinen Pausen am Fluss entwickeln sich schnell vom netten Zwischenstopp zur absoluten Notwendigkeit. Schuhe aus, Füße ins kalte Wasser und für ein paar Minuten einfach gar nichts machen.


Danach geht es weiter.
Kilometer für Kilometer nähern wir uns wieder Theth. Eine wirklich schöne Wanderung – nur vielleicht nicht unbedingt bei Temperaturen, bei denen man bereits beim Gedanken an Bewegung ins Schwitzen gerät.

Am späten Nachmittag erreichen wir schließlich wieder unsere Unterkunft. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein ordentliches Abendessen.
Eigentlich.

Ausgerechnet heute ist in unserem Gästehaus das Küchenpersonal ausgefallen. Also müssen wir noch einmal los und suchen uns spontan etwas anderes.
Wir landen schließlich auf einer Art Terrasse direkt am Fluss. Keine große Küche, kein schickes Restaurant – dafür ein einfaches, aber richtig schmackhaftes Essen, eine fantastische Aussicht auf die Berge und den Fluss. Während Tochter oder Schwiegertochter kocht, müssen wir mit Oppa Raki trinken.

Nach diesem Wandertag gibt es definitiv schlechtere Möglichkeiten, einen Abend in den albanischen Alpen ausklingen zu lassen.


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